Die Anfänge der EDV-Ausbildung am IÜD-Heidelberg

Aus der Rhein-Neckar-Zeitung vom 31. Mai 1989

Mit High-Tech verbesserte Berufsaussichten

Dolmetscher-Instituts erhielten neues Computerzentrum -

Jetzt weltweiter Zugang zu Datenbanken

von

Wolfgang Grünewald

 

    Auf feierliches Ritual wurde bewusst verzichtet, Sekt und Butterbrezeln zierten einen Rahmen der Bescheidenheit. Gleichwohl der Anlass ein bedeutsamer war: Am Montag wurde das neu installierte Computerzentrum der Institute für Übersetzen und Dolmetschen (IÜD) sowie Deutsch als Fremdsprachenphilologie (IDF) offiziell der Benutzung übergeben.

    Dass Computer und Philologie nicht zusammengehen sollen, ist ein längst überholter Anachronismus: "Die Fähigkeit mit dem Personalcomputer umzugehen", führte der stellvertretende IÜD - Direktor, Professor Willi Birkenmaier, in seinen einleitenden Worten aus, "ist die wichtigste Voraussetzung, um im Bereich des Übersetzens zu arbeiten. Dafür schaffen wir hier die Voraussetzungen!" In der Tat: Achtzehn Terminals, zwei Nadel- und ein Laserdrucker (ein zweiter folgt in Kürze) sowie mehrere Zusatzgeräte, über welche der im IÜD untergebrachte Computerpool ans Universitätsrechenzentrum und über dieses wiederum ans internationale Kommunikationsnetz angeschlossen ist, stehen fortan den Studenten der beiden Institute zur Verfügung. "Der weltweite Zugang zu den Datenbanken ist der größte Vorteil der Vernetzung", freute sich Birkenmaier übers (Computer-) Tor zur Welt.
    Neben diesem Globalaspekt bringt die High-Tech Anlage vor allem den Studenten bessere Berufsaussichten. Das vorrangige Ziel der Einrichtung besteht darin, eine gründliche Einführung in Textverarbeitungsprogramme und Computerlinguistik zu ermöglichen. Des weiteren wird der Forderung der Wirtschaft nach praxisnahen Kenntnissen über Terminologiedatenbanken und Übersetzungssystemen entgegengekommen. Insofern bezeichnete Helmuth Sagawe, Leiter des Computerzentrums, die Lehre denn auch als "Hauptaufgabe" der Einrichtung, neben der Unterstützung der Forschung. Ob Projekte in Sachen Fremdsprachenforschung und Lexik, ob Einbeziehung von künstlicher Intelligenz in den Übersetzungsprozess - das technische Outfit ist vorhanden.
    Aber nicht nur angehende, auch bereits berufstätige Übersetzer und Dolmetscher sollen aus der rund 250 000 DM teuren Anlage Profit ziehen: "Weiterbildungskurse für diplomierte Übersetzer sind geplant",

    erweiterte Sagawe den Benutzerradius. In diesen Sonderschichten sollen vor allem "Schwellenängste" der wörterbuchgewöhnten Philologen vor dem Terminal abgebaut sowie gezielte Informationen zur Anschaffung von Hard- und Software vermittelt werden.
    Sonderschichten musste auch der selbst einlegen, um das Computerzentrum aufzubauen. Vor fünfeinhalb Jahren führte er im diesbezüglich noch jungfräulichen IÜD die EDV ein, mit einem zweistündigen Lehrauftrag. Fünf Personalcomputer reichten zwar für den Anfang, mit zunehmendem Interesse und Veranstaltungen mit bis hundertfünfzig Studenten jedoch hieß es, für die praktischen Übugen am Bildschirm aufs Universitätsrechenzentrum auszuweichen. Aber auch hier drängelten sich "drei, vier, fünf Leute vor einen Terminal. Das waren keine idealen Zustände!", erläuterte Sagawe rückblickend die EDV-Pionierzeit. Und zumal der dortige Großrechner den Bedürfnissen der Übersetzer für ihr späteres Berufsdasein nicht hundertprozentig gerecht ward, lag der Gedanke an einen institutseigenen Computerpool mehr als nahe. Stuttgart gewährte die nötigen Finanzmittel, und nach ausgiebigen Recherchen bei verschiedenen Firmen erhielt die Mannheimer Folprecht Computer und Communication GmbH den Zuschlag, das High-Tech Arsenal zu installieren und zu vernetzen.

    "Das, was wir jetzt haben, wäre nicht, wenn Helmuth Sagawe nicht da gewesen wäre. Manchmal schien die Situation aussichtslos, aber dennoch hat er weitergemacht", lobte Willi Birkenmaier den engagierten Einsatz des Zentrumsleiters, der in seiner Aufgabe von vier wissenschaftlichen Hilfskräften unterstützt wird. Um die Möglichkeiten aufzuzeigen, über die das IÜD von nun an verfügt, demonstrierten diese und andere Studenten exemplarisch einige Programme: Multilinguale Textverarbeitungsprogramme, spezielle Übersetzer-Software zur Einbindung von Wörterbüchern und Glossardaten und Textanalyseprogrammen machten klar, dass IÜD und IDF auf den Zug der Zeit aufgesprungen sind. (W. G.)